Informationen für Patienten mit Aftererkrankungen

Autor: PD Dr. med. R.J. Weinel

Was ist “Koloproktologie”?

„Koloproktologie” ist die Lehre von den Erkrankungen des Dickdarms, Mastdarms und des Afters. Ein „Koloproktologe” oder ein „Proktologe” ist ein Arzt, der sich besondere Kenntnisse auf diesem Gebiet angeeignet hat; er kann unterschiedlichen Fachrichtungen angehören. Es gibt keinen speziellen „Facharzt für Koloproktologie”.

Häufig sind Koloproktologen oder Darmspezialisten jedoch Chirurgen oder Viszeralchirurgen (Chirurgen, welche sich auf die Erkrankungen des Bauchraumes spezialisiert haben), da diese nicht nur die Untersuchungstechniken (wie z. B. Endoskopie oder Ultraschalluntersuchungen) und die konservative Behandlung der Erkrankungen beherrschen, sondern auch die operative Therapie durchführen können, wenn Operationen erforderlich sind.

Die meisten Menschen haben eine natürliche Scheu, über Probleme und Beschwerden am After zu sprechen. Das drückt sich schon im Sprachgebrauch aus, wenn wir von „Verdauung” reden und „Stuhlgang” meinen. Die Verdauung findet nämlich im Magen und Dünndarm statt, wovon wir normalerweise gar nichts merken. Ausscheiden können wir aber nur die im Dickdarm übrig gebliebenen, unverdaulichen Reste, nachdem diesen im Dickdarm reichlich Flüssigkeit entzogen wurde. Auch sind nicht alle Veränderungen am After, die eine Schwellung oder Juckreiz verursachen, „Hämorrhoiden”. Wir möchten Sie daher über ein paar wichtige Zusammenhänge Ihrer Magen-Darm-Funktion und des Afterverschlusses, die dabei auftretenden Beschwerden und Untersuchungsmöglichkeiten informieren.

Welche Beschwerden können auftreten?

Viele Menschen sind der Ansicht, dass alle Beschwerden am After von Hämorrhoiden kommen. Dieser Irrtum führt oft dazu, dass aus falschem Schamgefühl erst spät ein Arzt aufgesucht und so Zeit vergeudet wird.

Typische Afterbeschwerden sind Juckreiz, Nässen, Brennen bei oder nach der Stuhlentleerung, Stuhlschmieren trotz sorgfältiger Reinigung, Schmerzen beim Sitzen, ein Druckgefühl im Enddarm, Krämpfe und vor allem die Blutung. Die Blutung aus dem After kann von Hämorrhoiden, aber auch durch Entzündungen der Schleimhaut, gutartige Polypen oder einen Darmkrebs verursacht sein. Unfreiwilliger Wind- oder Stuhlabgang wird nicht immer durch eine Schwäche der Schließmuskeln, sondern häufiger durch eine Störung der Darmfunktion (beispielsweise Durchfälle, Reizdarm, Darmentzündungen), einen inneren Schleimhautvorfall oder vergrößerte Hämorrhoiden begünstigt.

Der unfreiwillige Abgang von Stuhl oder Winden (Stuhlinkontinenz) ist meist heilbar. Voraussetzung ist allerdings eine sorgfältige Untersuchung der zugrundeliegenden Ursache sowie eine konsequente Behandlung.

Blutung und Darmkrebs

Neu aufgetretene Bauchschmerzen, im Zusammenhang mit der Stuhlentleerung oder unabhängig davon, Verstopfungen, Blähungen, Durchfälle, Schleimauflagerung auf dem Stuhlgang oder Blut auf dem Stuhlgang weisen auf Erkrankungen des Dickdarms hin. Meist handelt es sich um gutartige Erkrankungen wie den sog. „Reizdarm”, Darmentzündungen, Verwachsungen des Darmes, Störungen der geordneten Beweglichkeit des Darmes oder Folgen einer Fehlernährung. Nur selten ist ein Tumor Ursache der Beschwerden. Allerdings ist der Dickdarm- und Enddarmkrebs der häufigste bösartige Tumor in Deutschland. Jährlich erkranken in Deutschland etwa 55.000 Menschen an Darmkrebs. Während die Zahl der Erkrankungen an Darmkrebs bei älteren Menschen zurückgeht, zeigen neue Untersuchungen eine deutliche Zunahme der Darmkrebsfälle bei jüngeren Menschen!

Bösartige Tumore des Darmes entstehen fast immer aus gutartigen Darmpolypen. Etwa jeder fünfte Darmpolyp entartet im Laufe der Zeit (Jahre). Diese Polypen wachsen über lange Zeit unbemerkt und machen sich allenfalls durch gelegentliche Blutungen bemerkbar (Blut im Stuhlgang oder positiver Haemoccult-Test oder FOBT). Darmpolypen können in der Regel bei einer Darmspiegelung entfernt werden. Dickdarm- oder Enddarmkrebs im Anfangsstadium ist praktisch immer heilbar. Deshalb ist es so wichtig, dass bei jeder Blutung aus dem After (Blut auf dem Stuhl oder am Toilettenpapier) oder bei einem positiven Test auf verborgenes Blut im Stuhl und wenn Darmbeschwerden neu aufgetreten sind, der gesamte Dickdarm untersucht wird.

Jucken

Egal wo an Ihrem Körper, egal aus welcher Ursache, die erste Reaktion der Haut auf jeden Reiz ist immer: es juckt! D. h., auch der Juckreiz tritt bei allen Arten von Enddarmerkrankungen auf und lässt meist keinen Rückschluss auf die Ursache zu.

Schmerzen

Der Analkanal (Länge 2–4 cm) ist von einer speziellen Haut, dem Anoderm, ausgekleidet. Das Anoderm ist die schmerzempfindlichste Haut des Körpers. D. h., jede, auch noch so kleine Verletzung/Wunde im Anoderm ist schmerzhafter als größere Wunden an anderen Stellen des Körpers. Diese Schmerzempfindlichkeit des Analkanals erklärt auch, warum es nach proktologischen Operationen, die mit Wunden im Analkanal einhergehen, meist zu stärkeren Schmerzen kommt als nach Operationen an anderen Stellen des Körpers.

Schmerzen am Anus müssen von Schmerzen des Beckenbodens unterschieden werden. Für Patienten ist diese Unterscheidung meist nicht möglich. Alle Schmerzen werden dem After/den Hämorrhoiden zugeordnet. Dem erfahrenen Koloproktologen gelingt diese Unterscheidung jedoch fast immer durch sorgfältige Befragung und klinische Untersuchung des Patienten. Beckenbodenschmerzen haben ihre Ursache meist in Verkrampfungen/Verspannungen der Beckenbodenmuskulatur. Hierbei ist zu beachten, dass die Beckenbodenmuskulatur ein „emotionales Stressorgan” ist und Schmerzen des Beckenbodens nicht selten seelische Auslöser haben.

Was sind Hämorrhoiden?

Unter Hämorrhoiden versteht man stark durchblutete Polster aus Blutgefäßen oberhalb des Afterkanals, am Übergang zum Enddarm. Sie werden von kleinen Arterien aufgepumpt und schwellen zum Abdichten des Afters nach dem Stuhlgang automatisch an. Nur bei der Stuhlentleerung laufen sie durch Nachlassen der Spannung des inneren Schließmuskels leer und liegen dadurch normalerweise flach der Wand des sich öffnenden Afterkanals an. Pressen führt dagegen zur Stauung der Hämorrhoiden, sodass diese sich nicht entleeren können.

Normale Hämorrhoiden kann man fast nie außen sehen oder mit dem Finger tasten. Sie sind weiche Gefäßpolster an der Grenze Enddarm/Afterkanal, die nur bei der Spiegelung (Proktoskopie) zu sehen sind. Sie dienen der Feinabdichtung des Afters, sind also ein normales Organ! Erst bei Vergrößerung oder Schädigung der Hämorrhoiden mit Beschwerden oder Blutungen reden wir von einem Hämorrhoidalleiden. Vor jeder Hämorrhoidenbehandlung muss eine andere Ursache einer Blutung, z.B. ein Darmkrebs, ausgeschlossen werden!

Analfissur und Kryptitis

Schmerzen im After, oft bei oder nach der Stuhlentleerung, sind meist durch Einrisse (Analfissur) der Haut des Afters (Anoderm) oder durch Entzündungen der Afterdrüsen (Kryptitis) verursacht. Hämorrhoidalleiden sind nicht schmerzhaft!

Hauterkrankungen

Hauterkrankungen: Chronische Hauterkrankungen wie eine Schuppenflechte oder eine Neurodermitis spielen sich auch (oft) am After ab. Gelegentlich können sie sogar nur am Anus auftreten (Psoriasis inversa). Menschen mit diesen chronischen Hauterkrankungen leiden häufiger an allen anderen Arten von Enddarmerkrankungen, bzw. diese kommen gehäuft wieder (Rezidive). Hauterkrankungen (Analekzeme) treten aber auch oft in der Folge von z. B. Hämorrhoidalleiden auf. Dann besteht oft eine minimale Undichtigkeit des Afters, kleine Mengen von Schleim aus dem Enddarm kommen auf die normale Haut und führen hier zu einer entzündlichen Reaktion (Ekzem).

Welche Untersuchungsmöglichkeiten gibt es?

Stuhltest auf verborgenes Blut (Haemoccult/FOB-Test)

Bei der Vorsorgeuntersuchung des Hausarztes wird üblicherweise ein Stuhltest auf verborgenes Blut (Haemoccult, FOB-Test) durchgeführt. Er kann bei regelmäßiger, jährlicher Testung schon sehr kleine Blutmengen nachweisen, die von Polypen oder Frühformen des Darmkrebs ausgehen können.

Wenn auch nur eine Probe von einem Testbriefchen positiv ausfällt, sollte immer eine komplette Dickdarmspiegelung gemacht werden, um die Ursache aufzuspüren. Polypen oder Karzinome bluten nicht immer, sodass auch weitere Tests wieder negativ ausfallen können. Die Wiederholung des positiven Haemoccult-Tests ist überflüssig und verzögert nur die Diagnose und rechtzeitige Behandlung eines Karzinoms. Die verborgene Blutung ist das einzige Frühzeichen des Darmkrebses und muss daher zur Diagnose genutzt werden. Beschwerden treten bei Darmkrebs meistens erst sehr spät auf; plötzliche Blähungen oder Wechsel der Stuhlkonsistenz können Zeichen eines Tumors sein und werden von den Betroffenen oft zu lange als harmlos verdrängt.

Vorsorgedarmspiegelung und familiäres Risiko

Die Vorsorgedarmspiegelung als zuverlässige und wirksamste Maßnahme zur Verhütung oder Früherkennung von Darmkrebs ist in Deutschland eine Leistung der gesetzlichen Krankenkassen ab dem 50. Lebensjahr. Wissenschaftliche Studien belegen dies.

Das Risiko für die Entstehung von Darmkrebs kann auch vererbt werden. Gibt es in Ihrer Familie erstgradige Verwandte mit Darmkrebs, so ist Ihr Risiko, Darmkrebs zu bekommen, erhöht! Auch chronische Erkrankungen, wie z. B. eine Blutzuckererkrankung, erhöhen das Risiko für Darmkrebs. Lassen Sie sich beraten!

Körperliche Untersuchung

Die eigentliche proktologische Untersuchung beginnt mit dem Betrachten und Abtasten der Aftergegend, gewöhnlich in entspannter Seitenlage. Dabei können z.B. Hautfalten, Narben, Entzündungen der Haut, Abszesse oder Fisteln, schmerzhafte Knoten durch Thrombosen oder vorgefallene Hämorrhoiden festgestellt werden.

Es folgt das Austasten von Afterkanal und Mastdarm mit dem Finger. Dabei kann bei der Frau auch die Gebärmutter (Uterus) und beim Mann die Vorsteherdrüse (Prostata) abgetastet und beurteilt werden. Auch die Beckenbodenmuskulatur wird hierbei beurteilt. Ist die Untersuchung schmerzhaft, liegt das meistens an einem Afterriss (Analfissur) und nicht an Hämorrhoiden.

Enddarmspiegelung (Proktoskopie/Rektoskopie)

Bei der Enddarmspiegelung kann die Haut des Afterkanals und die Schleimhaut des Darmes mit dem Proktoskop (6–8 cm lang) bzw. mit dem starren Rektoskop (30 cm lang) beurteilt werden; eine Vorbereitung ist meist nicht erforderlich. Selten wird ein Klistier unmittelbar vor der Untersuchung benötigt. Die Einnahme von Abführmitteln vor der Untersuchung sollte unterbleiben, weil dadurch von oben nachfließender, dünnflüssiger Stuhl die Übersicht erschwert.

Darmspiegelung (Koloskopie) und weitere Verfahren

Höhere Dickdarmabschnitte werden mit flexiblen Video-Endoskopen (Koloskop) untersucht; hierbei kann auch der untere Dünndarm eingesehen werden. Diese Untersuchungen erfordern eine Vorbereitung mit Abführmitteln am Vortag der Untersuchung. Alternativ kann der Darm mit bestimmten Computertomografietechniken (virtuelle Koloskopie) oder Röntgentechniken untersucht werden. Allerdings sind diese Untersuchungen weniger genau als die Darmspiegelung.

Ultraschall

Mit modernen Ultraschallgeräten für die Untersuchung der Beckenorgane („endorektaler Schall”) können auch tiefere Gewebeschichten unter der Schleimhaut und Nachbarorgane des Darmes (Gebärmutter, Prostata, Samenblasen, Blase, Beckenbodenmuskulatur, Fettgewebe und Lymphdrüsen) beurteilt werden.

Funktionsuntersuchungen

Bei Störungen der Dickdarmfunktion oder bei Nahrungsmittelunverträglichkeiten sind unter Umständen weitere Funktionstests oder zusätzliche Laboruntersuchungen erforderlich. Die Prüfung der Funktion des Verschlussapparates „After” kann durch die Schließmuskel-Druckmessung, durch die Elektromyographie (Messung der Nervenfunktion und der Muskeln) und durch eine MRT-Defäkographie (Untersuchung der Mastdarmentleerung) ergänzt werden. Allerdings ist keine technische Methode dem Austasten des Afters/Beckenbodens durch einen erfahrenen Untersucher überlegen. Professor Heald, einer der erfahrensten Darmchirurgen Englands, hat dies den „educated finger” genannt. Welche Untersuchungen im Einzelnen bei Ihnen nötig sind, hängt von den Beschwerden ab und wird individuell vom Arzt festgelegt.