Informationen zu Flohsamenschalen
Wirksamkeit von Plantago ovata (Psyllium) bei Magen-Darm-Erkrankungen wie z.B. Reizdarmsyndrom, Colitis ulcerosa allen Enddarmerkrankungen und zur Prävention von Dickdarmkrebs, Verstopfung und Durchfall.
Autor: PD Dr. med. R.J. Weinel
Flohsamenschalen sind die Samenhülsen der Wegericharten Plantago ovata, Plantago indica und Plantago afra (Synonym: Plantago psyllium), daher auch der Name Psyllium (altgriechisch ψύλλα psylla „Floh", lateinisch psyllium „Flohkraut"). Die Frucht reift zu einer zweifächrigen Deckelkapsel heran, mit je zwei kleinen, elliptischen, rotbraunen, glänzenden Samen. Diese erinnern an Flöhe, was der Pflanze den deutschen Namen „Flohkraut" oder „Flohsamen-Wegerich" eintrug.
Plantago ist eine weit verbreitete Heilpflanze, deren Samenschalen reich an löslichen und unlöslichen Ballaststoffen sind, was sie zu einer wertvollen Quelle für gesundheitsfördernde Ballaststoffe macht. Sie ist in Südeuropa, Nordafrika sowie West- und Mittelasien bis nach Indien weit verbreitet.
Psyllium ist mit unserem heimischen Wegerich verwandt, zum Beispiel dem Spitzwegerich, der ebenfalls seit alters her als Heilpflanze bekannt ist.
Psyllium ist seit der Antike als Heilpflanze bekannt. Klinische Studien belegen die Wirksamkeit von Psyllium bei verschiedenen Magen-Darm-Erkrankungen.
Unser Spitzwegerich
Plantago ovata
Psyllium bei Reizdarmsyndrom (IBS)
Psyllium ist die einzige Ballaststoffquelle, die vom American College of Gastroenterology zur Behandlung des Reizdarmsyndroms empfohlen wird. Es lindert Schmerzen und kann die Stuhlkonsistenz bei Betroffenen normalisieren.
Psyllium fördert zudem das Wachstum probiotischer Bakterien im Darm, was zur Produktion kurzkettiger Fettsäuren (SCFAs) führt, die die Darmgesundheit unterstützen.
Psyllium bei Colitis ulcerosa
Es gibt Hinweise darauf, dass Psyllium die Remission bei Colitis ulcerosa unterstützen kann. Eine Studie mit 105 Patienten zeigte, dass die Einnahme von Psyllium (10 g zweimal täglich) ähnlich wirksam war wie die Behandlung mit Mesalazin.
Die therapeutische Wirkung wird mit einer erhöhten Produktion von kurzkettigen Fettsäuren in Verbindung gebracht, die entzündungshemmend wirken.
Psyllium und das Risiko von Dickdarmkrebs
Eine prospektive Studie mit 75.214 Teilnehmern ergab, dass die Verwendung von Ballaststofflaxantien, einschließlich Psyllium, mit einem verringerten Risiko für Dickdarmkrebs assoziiert war.
Psyllium wirkt, indem es die Stuhlmasse erhöht, die Darmtransitzeit verkürzt und Karzinogene im Dickdarm bindet und neutralisiert.
Psyllium und Zuckerkrankheit (Diabetes)
Beim Essen nimmt der Körper die enthaltenen Kohlenhydrate auf und wandelt sie im Darm in Glukose um – das ist der Zucker im Blut. Je raffinierter, hochverarbeiteter (und damit schneller verdaulich) diese Kohlenhydrate sind (zum Beispiel Weißbrot oder Süßigkeiten), desto schneller schießt der Blutzuckerspiegel in die Höhe.
Nimmt man allerdings Flohsamenschalen zusammen mit den Mahlzeit ein, ändert sich das: Die schleimige Konsistenz, die durch das Quellen der Flohsamenschalen im Darm entsteht, legt sich im Darm wie ein „Schutzfilm um die Kohlenhydrate“. Dadurch dauert es länger, bis diese in Glukose umgewandelt werden – der Blutzuckerspiegel steigt langsamer und weniger stark an.
Studien zeigen, dass die regelmäßige Einnahme von Flohsamenschalen:
den Blutzuckerspiegel nach dem Essen senken kann,
den Langzeit-Blutzuckerwert (HbA1c) verbessert,
und die Insulinempfindlichkeit beeinflusst.
Besonders bei Menschen mit Typ-2-Diabetes wurde dieser Effekt beobachtet – aber auch Menschen ohne Diabetes profitieren davon, da stabile Blutzuckerwerte langfristig Energielevel, Stimmung und Gewicht beeinflussen.
Flohsamenschalen und das Mikrobiom
Flohsamen fördern das Wachstum darmfreundlicher Bakterien und damit ein gesundes Mikrobiom. Deshalb werden Flohsamen auch als „Präbiotikum" bezeichnet. Durch die Darmbakterien werden lösliche Ballaststoffe zu kurzkettigen Fettsäuren umgewandelt. Diese sind in der Lage, die Cholesterin-Synthese in der Leber zu hemmen und somit den Cholesterinspiegel im Blut zu senken. Außerdem binden die löslichen Ballaststoffe der Flohsamen die fäkalen Gallensäuren, wodurch es zu einer erhöhten Cholesterinausscheidung kommt. Die löslichen Ballaststoffe des Flohsamens wirken nicht nur durch den bakteriellen Abbau im Dickdarm, sondern auch im Dünndarm.
Psyllium bei Divertikulitis/Divertikulose
Es ist unstrittig, dass nach einer akuten Divertikulitis die dauerhafte Einnahme von Psyllium geeignet ist, um einem erneuten Auftreten vorzubeugen. Theoretische Überlegungen legen nahe, dass auch bei der akuten, unkomplizierten Divertikulitis die Einnahme von Psyllium in der konservativen Therapie hilfreich sein kann. Hierzu gibt es bislang jedoch noch keine Studien.
Psyllium bei konservativ behandelter Appendizitis
Die unkomplizierte Blinddarmentzündung wird mittlerweile immer häufiger konservativ, also ohne Operation, behandelt. Theoretische Überlegungen legen nahe, dass auch in dieser Situation die Einnahme von Psyllium hilfreich sein kann. Hierzu gibt es bislang jedoch noch keine Studien.
Psyllium bei proktologischen Beschwerden/Enddarmerkrankungen
Eine Stuhlentleerung ohne mechanischen Stress ist die Basis jeder erfolgreichen Behandlung von proktologischen Beschwerden/Erkrankungen. Und nach dem Abheilen der Erkrankung vermindert ein regelmässiger, weicher Stuhlgang das Risiko des Wiederauftretens von Beschwerden.
Die Wundbehandlung nach Operationen am After hat 3 wichtige Pfeiler:
Ein weicher, geformter, gut zu entleerender Stuhl. Dies erreichen Sie i. d. R. durch tägliche Gabe von Flohsamenschalen, um die Stuhlbeschaffenheit für eine leichtere Entleerung zu optimieren.
Reichlich Wasser an die Wunde, mehrfach täglich und nach jeder Stuhlentleerung: Duschen, baden, Bidet – Ihrer Phantasie sind hier keine Grenzen gesetzt!
Ausreichende Gabe von Schmerzmitteln, wie z.B: 1x täglich 100 mg Tramadolor retard + 2-3x täglich 50- 75 mg Diclofenac.
Psyllium wird als Goldstandard für die Regulierung der Stuhlbewegungen angesehen, da es sowohl bei Verstopfung als auch bei Durchfall wirksam ist.
Psyllium gilt als Goldstandard für die Regulierung der Stuhlbewegungen, da es sowohl bei Verstopfung als auch bei Durchfall wirksam ist.
Die physikochemischen Eigenschaften von Psyllium – insbesondere die Fähigkeit, in wässriger Umgebung ein Gel zu bilden und Wasser zu binden – tragen zu dieser therapeutischen Wirkung bei.
Die pflanzlichen Ballaststoffe sind in der Lage, mehr als das 50-fache an Wasser zu binden. Diese Quellfähigkeit (Quellzahl >40) bewirkt im Darm eine Volumenzunahme des Stuhls, regt durch den entstehenden Druck auf die Darmwand die Peristaltik an und löst damit den Reflex zur Darmentleerung aus. Verantwortlich für dieses starke Quellverhalten sind sogenannte Flosine-Schleimpolysaccharide, die sich in den Samenschalen befinden. Die Samenschalen können sowohl bei Verstopfung als auch bei Durchfall helfen.
Verstopfung und Psyllium
Psyllium erhöht den Wassergehalt des Stuhls, normalisiert dessen Konsistenz und steigert die Stuhlmenge.
Es wird empfohlen, 10–15 g Psyllium pro Tag einzunehmen (ca. 1 Esslöffel), um die gewünschte Wirkung zu erzielen.
Eine Meta-Analyse hat gezeigt, dass Psyllium bei chronischer idiopathischer Verstopfung dreimal effektiver ist als Weizenkleie.
Die Wirkmechanismen umfassen die Wasserbindung im Gel sowie die Förderung des Wachstums probiotischer Bakterien, die kurzkettige Fettsäuren produzieren.
Studien zeigen, dass Psyllium in der Behandlung chronischer Verstopfung effektiver ist als herkömmliche Medikamente wie Natriumdocusat oder Loperamid.
Durchfall und Psyllium
Psyllium zeigt auch therapeutische Effekte bei akutem und chronischem Durchfall, indem es die Viskosität des Stuhls erhöht und überschüssiges Wasser bindet.
In klinischen Studien wurde festgestellt, dass Psyllium die Stuhlkonsistenz signifikant verbessert, während andere Ballaststoffe wie Weizenkleie keine signifikanten Effekte zeigten.
Psyllium kann die Symptome von Durchfall bei Patienten mit chronischem Durchfall ebenso effektiv lindern wie Loperamid, jedoch mit besserer Stuhlkonsistenz.
Dosierung und Einnahmeempfehlungen
Die empfohlene Dosis von Psyllium liegt bei 10–15 g pro Tag, etwa 1 Esslöffel. Diese Dosis kann einmalig eingenommen werden – unabhängig von den Mahlzeiten oder zu den Mahlzeiten (ideal für Diabetiker). Flohsamen können in eine Flüssigkeit (Wasser, Milch, …) eingerührt und getrunken werden. Sie sollen dabei in der Flüssigkeit nicht quellen!
Wichtig ist, dass die Flohsamenschalen gemahlen bzw. geschrotet sind – nur diese helfen!
Gemahlene Flohsamenschalen (nur diese helfen!) werden in Deutschland unter verschiedenen Handelsnamen vertrieben. Qualitätsunterschiede sind dem Verfasser nicht bekannt, daher empfehlen wir immer das preiswerteste Produkt.
Und der Geschmack?
Flohsamenschalen schmecken praktisch nach nichts. Die Konsistenz ist jedoch gewöhnungsbedürftig – ein bisschen wie glibberige Götterspeise ohne Zucker.
Und wenn Sie Flohsamen nicht vertragen
Etwa 2–5 % der Patienten berichten, dass sie nach der Einnahme von Flohsamen unangenehme Blähungen bekommen. In diesem Fall rate ich alternativ zur täglichen Einnahme von Akazienfasern (siehe unten) – allerdings sind diese in ihrer therapeutischen Breite nicht so wirksam wie Flohsamenschalen. Manche Menschen können sich mit der Beschaffenheit der gemahlenen Flohsamenschalen nicht anfreunden – hier kann leider auch nicht geholfen werden. Geht es lediglich um den reinen Abführeffekt von Flohsamenschalen, kann es – gerade im Alter – sinnvoll sein, diese durch synthetische Darmregulatoren wie zum Beispiel Macrogol zu ersetzen. Auch diese können bei Bedarf dauerhaft eingenommen werden.
Gewöhnungseffekt
Jedes Abführmittel oder Darmregulans kann nach Monaten zu einem „Gewöhnungseffekt" mit nachlassender Wirkung führen. In diesem Fall empfiehlt es sich, das Mittel für einige Monate durch ein anderes zu ersetzen und danach wieder zu wechseln. Beispiel: Flohsamen werden für einige Monate durch Akazienfasern ersetzt und anschließend wieder durch Flohsamenschalen.
Psyllium in der Tiermedizin
Auch bei Pferden, Hunden und anderen Tieren werden Flohsamenschalen bei Erkrankungen des Verdauungssystems eingesetzt. Der hierfür im Futtermittelhandel erhältliche Flohsamen ist allerdings weniger sorgfältig gereinigt als der beim Menschen eingesetzte und enthält daher einen höheren Anteil an Staub, der Probleme verursachen kann.
Sicherheitsinformationen und mögliche Nebenwirkungen
Die langfristige Einnahme von Psyllium ist sicher und zeigt keine nachteiligen Auswirkungen auf die Bioverfügbarkeit von Nährstoffen.
Es gibt Berichte über allergische Reaktionen, einschließlich Anaphylaxie, bei Personen, die Psyllium einnehmen. Diese können auch auf Staubverunreinigungen der Flohsamenschalen zurückzuführen sein.
Eine unzureichende Flüssigkeitsaufnahme kann zu einer Verstopfung der Speiseröhre oder des Darms führen, weshalb eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr wichtig ist.
Akazienfasern als Alternative
Akazienfasern können grundsätzlich als Alternative zu Flohsamenschalen gelten. Sie sind jedoch nicht so gut untersucht wie Flohsamenschalen, und es liegen auch keine Vergleichsstudien vor.
Herkunft, Anwendung und Tradition
Akazienfaser, auch als Gummi arabicum bekannt, ist ein Saft, der aus den Zweigen und Stämmen der Akazienarten Acacia senegal und Acacia seyal gewonnen wird, die vor allem in der Sahelzone Afrikas wachsen.
Traditionell wird die Akazienfaser seit etwa 5000 Jahren in der afrikanischen Volksmedizin zur Behandlung von Magen-Darm-Beschwerden und zur Wundheilung verwendet. Neuere Studien haben zudem ihre antioxidativen Eigenschaften bestätigt.
Industriell werden Akazienfasern zu verschiedenen Zwecken in der Lebensmittelindustrie eingesetzt.
Akazienfasern enthalten viele lösliche Ballaststoffe und werden im Darm langsam und gleichmäßig verstoffwechselt. Dabei passieren sie den Dünndarm nahezu unverändert und gelangen so in den Dickdarm. Dort wird das Wachstum schädlicher Bakterien gehemmt und gleichzeitig das Wachstum nützlicher Bakterien gefördert.
Verträglichkeit, Nährwerte und mögliche Nebenwirkungen
Der größte Vorteil gegenüber anderen Präbiotika ist die gute Verträglichkeit der Akazienfasern: Durch überschüssige Gasbildung, die bei zu schneller Fermentation von Ballaststoffen wie zum Beispiel Inulin entstehen kann, können Bauchschmerzen und Blähungen auftreten. Da Akazienfasern jedoch langsamer fermentiert werden, lösen sie im Vergleich zu anderen löslichen Ballaststoffen nur selten Nebenwirkungen aus – selbst wenn sie in größeren Mengen konsumiert werden. Akazienfasern bestehen zu etwa 90 % aus löslichen Ballaststoffen und haben kaum verwertbare Kalorien, da sie vom Körper nicht verdaut werden können.
Es werden zwei Arten von Ballaststoffen unterschieden:
Unlösliche Ballaststoffe: Sie quellen im Darm auf, machen den Stuhl weicher und fördern die Verdauung.
Lösliche Ballaststoffe wie Akazienfasern: Sie binden Wasser und bilden im Darm eine gelartige Substanz, die die Darmschleimhaut schützt. Außerdem fördern sie das Wachstum „gesunder" Darmbakterien, insbesondere von Bifidobacterium und Lactobacillus, und helfen, den Blutzucker- und Cholesterinspiegel zu regulieren.
Da die Akazienfasern im Darm nur langsam verstoffwechselt werden, verweilen sie auch länger im Verdauungstrakt. Diese lange Transitzeit fördert das Wachstum der überwiegend im Dickdarm ansässigen „guten” Bifidobakterien.
Dank der langsamen und gleichmäßigen Fermentation bieten Akazienfasern den nützlichen Bakterien ausreichend Zeit, kurzkettige Fettsäuren (SCFAs) wie Propionat, Acetat und insbesondere Butyrat zu bilden – diese spielen eine wesentliche Rolle bei der Erhaltung der Darmbarriere.